Tinder und kein Sex Code: Nachtfalter

Auf dem Bild sieht man links ein stilisiertes herz mit einem schlüsselloch, von rechts kommt ein Schlüssel darauf zu.

CW: Enthält Gedanken zu sexueller Gewalt und Vergewaltigung

Vor kurzem teilte Susanne Kasper von literaturschock.de einen witzigen Blogbeitrag von Hunga, miad & koid über eine eher ungewöhnliche Tinderanfrage.

Den Artikel gibt es hier, lest ihn am besten mal durch. Es geht um die untypische Anfrage auf Tinder nach jemandem, der einen Nachtfalter aus der Wohnung entfernt. Genau das schreibt sie auch in die Anfrage und bekräftigt nochmal, dass sie es ernst meint. Sie trifft sich mit dem Mann und lässt ihn den Falter entfernen, mehr Interesse hat sie nicht. Der Besuch hat aber wohl mehr als einen Falter erwartet. Das sei Cockteasing meint ihre Freundin, die Autorin fragt ganz zu recht am Ende

Von mir aus nennen wir es unabsichtliches Beinahe-Cockteasing, das nur passiert ist, weil er etwas zwischen den Zeilen gelesen hat, das nie da stand. Was kann ich dafür, wenn er ,Nachtfalter‘ als Code für Sex versteht!??

So weit so lustig, ich habe mich gut amüsiert, danke nochmal an die Bloggerin. Überraschend waren die Diskussionen die sich daraus ergaben und für mich eher merkwürdig. Es ist lustig, wenn sich verschiedene Erwartungshaltungen treffen, eine witzige kleine Anekdote aus den Abgründen menschlicher Kommunikation. Die Argumente, die da kamen waren aber exemplarisch für mich sehr erschütternd. Ich versuche die Positionen zusammenzufassen und wieso ich diese für problematisch halte.

Vorweg sei gesagt die Zitate sind natürlich ohne alle umgebenden Kommentare und dementsprechend nicht komplett. Trotzdem erkenne ich immer wieder Muster, die tief in uns allen stecken.  Ich möchte keine einzelnen Personen angreifen, sondern genau dieses Missverhältnis beleuchten.

Kategorie 1: Der arme Mann, Tinder funktioniert so nicht

„Der arme Mann“, „Männer denken ja anders“,

Die These, dass Männer anders denken, ist eine sich selbst reproduzierende These. Solange nichts an den Verhältnissen verändert wird, werden wir auch in Zukunft die Probleme haben, dass man keine gemeinsame Basis hat, auf der man sich verständigt. Noch schlimmer daran ist für mich aber das rechtfertigende Element. Ein Mann hat dementsprechend keinen Grund mehr, zu hinterfragen wieso etwas falsch verstanden wird, ist ja genetisch und kann nicht verändert werden. Dadurch wird das aktive Auseinandersetzen mit Alltagssexismen behindert, es ist schließlich entschuldigt.

„Das war naiv, Tinder ist ja nur für Sextreffen“, „Tinder ist der falsche Ort, um Hilfe zu bekommen. Es ist ganz geschlechtsneutal der falsche Ort für alles, außer für das Eine. Bei Tinder kann jegliche Begrifflichkeit als ironisch-verklausuliertes Angebot missverstanden werden, weil alle anderen Anfragen dieser Art just genau so gemeint sind“, „in Kombination mit Tinder aber ist es so ähnlich, als ginge ein Mann in ein Bordell und fragt, ob ihm jemand hilft, seine Banane zu schälen, weil er eine Schalenphobie hat“

Es ist richtig, dass Tinder für die meisten eine Fickbörse ist, klar. Aber darf so eine Annahme uns dazu verleiten immer so zu agieren? In dem Beispiel hat der Protagonist nichts falsch gemacht, die Erwartung das es irgendetwas mit Sex zu tun hat ist generell okay – aber wenn er diese hatte, hätte er auch durchaus mehr nachfragen können. Nur die Zweideutigkeit vom „;-)“ in seiner Antwort auf die Klarstellung das es wirklich um den Nachtfalter geht als ausreichend zu erachten ist naiv.  Das ist das Schöne an der Sache: wenn alle sagen was sie wollen, wird das Leben angenehmer und man kann sich auf das Schöne konzentrieren.

Kategorie 2: Das ist gefährlich für die Frau

„Das hätte in einer Vergewaltigung enden können“, „So kann man sich einen Stalker einsammeln“, „Zum Artikel: sehr witzig geschrieben! Dennoch ist mir das Lachen im Hals stecken geblieben, weil es auch hätte anders ausgehen können. Bei einer weniger selbstbewussten Frau, die weniger eindeutig „da ist die Tür“ gesagt hätte, zum Beispiel“

Hier bin ich wirklich schockiert, die Beispiele kamen mehrfach. Ich sehe, dass Frauen* hier Erfahrungen haben und es durchaus vernünftig ist, sich vorsichtig zu verhalten. Mich hat die Anschuldigung, die für mich mitschwang so entsetzt, als sei sie selbst schuld wenn tatsächlich etwas passiert. Denn das ist ja unvorsichtig. Falls jemand den Begriff Rape Culture noch nicht kannte, dass ist ein Beispiel dafür.

Kategorie 3: Die Kommunikation war missverständlich (und ist es allgemein)

„ich empfinde das Problem, dass Frauen viel zu häufig Ja sagen, obwohl sie eigentlich Nein sagen wollen und sich das nicht trauen als viel schlimmer als das Problem, dass ein Mann ein klares Nein nicht akzeptiert“, „Wenn wir wollen, dass Männer ein klares Nein akzeptieren (und mir persönlich ist noch nie ein Mann untergekommen, der das nicht getan hätte, ich zweifel aber nicht daran, dass es sie wohl gibt), müssen wir vor allem die jungen Mädchen dazu erziehen, auch deutlich und klar Nein zu sagen, wenn ihnen irgendwas nicht behagt. Und zwar egal, wann – ob nach dem Drink, vor dem Kaffee, beim Küssen, nach dem Vorspiel oder währenddessen … – und vor allem unabhängig von der Erwartungshaltung des Mannes“

Ja, ein sehr valider Punkt. Wir kommunizieren zu verklausuliert – und wundern uns dann, dass es zu Problemen kommt. Aber nein, es ist nicht in Ordnung, es einseitig auf die weiblich gelesenen Menschen zu schieben. Bevor ich Frauen* beibringe deutlich Nein zu sagen, muss ich den Männern* beibringen, alles andere als ein klares Ja eben nicht als Ja zu verstehen. Das ist das Problem und nicht die Klarheit des Neins.

„ich vermisse als „Betroffene“ beim Flirten heutzutage die Leichtigkeit, die meiner Meinung nach genau dadurch zustande kommt, dass man eben NICHT deutlich kommuniziert (wie unsexy), sondern mit Sprache spielt. Das ist für mich das eigentlich Spannende am Geschlechterspiel. Wenn man nun Männer dahin erzieht, dass sie hinter einer Zweideutigkeit einer Frau nicht Sex vermuten (was halt natürlich ist und zum Flirt dazugehört), sondern das, was gesagt wird, dann gefällt mir das leider wenig“, „Hätte auch eine Klarstellung, spätestens beim Kaffee, für nötig empfunden also „lieb, dass du hier bist und mir helfen willst, aber nur gleich vorab: Sex ist nicht“, „Ich vermisse den Respekt den Männern gegenüber“,  “ Männer verstehen wesentlich häufiger „Sex“, wenn Frau „Nachtfalter“ sagt, als es andersherum passiert“

Wenn Flirten nur spannend für dich ist, wenn du nicht genau weißt was dein Gegenüber will, weiß ich auch nicht weiter. Klare Kommunikation ist alles, aber nicht unsexy. Wenn das anders ist, gilt auch hier wieder der Grundsatz: erkenne Probleme, um sie zu verändern. Ein Beispiel: es wird immer wieder gefordert, dass der Mann* den ersten Schritt machen muss. Dazu gehört auch etwa die Beschwerde einer Freundin bei unserem ersten Treffen, dass ich sie nicht genügend bedrängt hätte und dass viel früher etwas hätte werden können. Auch in Filmen – die immer wieder gegen den Wunsch der Frauen durchgeführten Küsse, die zum Durchbruch der wahren Gefühle führen – torpedieren den Wunsch nach Konsens. Wie romantisch, eure Beziehung begann also mit Sexueller Belästigung? Klingt klasse …

Natürlich darf jeder etwas erwarten, aber wenn man das nicht vorher abgeklärt hat, darf man sich nicht anstellen wenn es nicht passiert. (Und selbst, wenn man es abgeklärt ha,t darf das natürlich jederzeit verändert werden)

Kategorie 4: Feminismus

„Feministische Frauen sollten dann aber auch den Nachtfalter selbst fangen“

Das ist recht leicht zu entlarven. Feminismus hat nichts damit zu tun, dass jemand keine Phobie mehr haben darf – es geht vielmehr darum, dass alle so sein dürfen wie sie eben sind. Die Frage zu dem Falter wäre eher: Was würde passieren, wenn ein Mann die Situation geschrieben hätte? Wäre er dafür mehr oder weniger ausgelacht worden? Vermutlich mehr, genau das ist die Toxizität in den Geschlechterrollen, die der Feminismus loswerden möchte.

Und jetzt?

Was machen wir jetzt mit all dem? Ich verstehe tatsächlich die meisten Kommentatoren, denn die Realität ist oft anders als wir sie uns wünschen. Aber wenn wir uns zu sehr mit den Fakten abfinden verändern wir nichts mehr. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der es bessere Kommunikation gibt. Direkter, ehrlicher und ganz sicher weniger übergriffig. Dazu muss man oft an alten Normalitäten rütteln. Ich fände es großartig wenn jeder das versucht. Viel Erfolg dabei!

Fallen euch noch andere Beispiele ein? Lasst einen Kommentar da.

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